Augenoptiker- und Optometristen- Innung Berlin

Das Motto des kürzlich wiedergewählten regierenden Berliner Bürgermeisters, Klaus Wowereit (SPD), „Wir sind Berlin – Arm aber sexy“ gilt in abgewandelter Form auch für die Augenoptikerinnung der Hauptstadt. Mit dem Spruch „Arm, kostenbewusst und noch nicht sexy“ nimmt sich der frühere und amtierende Innungsvorstand im Stadtstaat mit viel Ironie selbst auf die Schippe. Dabei ist derlei Bescheidenheit gar nicht nötig: Vor allem beim Kostensparen geht der Berliner Verband ganz eigene Wege.

„‘Diese Berliner’ werden wieder alle Nicht-Berliner denken, nicht ganz zu Unrecht – in Berlin ist eben alles anders“, meint Obermeisterin Sylvia Brandt, seit 1987 Vorstandsmitglied der Augenoptiker- und Optometristen- Innung Berlin (AOI Berlin). Während sich zwei langjährige Mitarbeiterinnen um die laufenden Geschäfte des Innungsbüros kümmern, übernehmen die Ehrenamtsträger des Innungsvorstandes schon seit Jahren die gesamte Geschäftsführertätigkeit selbst. Dadurch spart der Vorstand die Personalkosten für einen Geschäftsführer und ist gleichzeitig über alle Innungsangelegenheiten unmittelbar informiert – was wiederum den Mitgliedern zugutekommt. Doch auch im Nachkriegs-Deutschland nahm die Berliner Innung bereits eine Sonderstellung ein. Brandt erklärt: „In Mauerzeiten und davor gehörte es sich eben so, als Handwerker in einer Innung organisiert zu sein. Daher war der Solidaritätsgedanke häufig der einzige Grund für die Mitgliedschaft“. Die Berliner Innung hingegen erledigte als erster und einziger Innungsverband in Deutschland schon lange vor den Anderen die Krankenkassenabrechnung und bot ihren Mitgliedern damit einen handfesten Nutzen. Schnell, unbürokratisch und preiswert wurde diese „lästige“, aber für beide Seiten einträgliche Aufgabe durch die Innung erledigt. Brandt weiter: „Da spielte der Gemeinsinn bei vielen Mitgliedern schon damals nur die zweite Geige, war aber für beide Seiten von Vorteil.“ Auch heute noch zählt die Krankenkassenabrechnung zu dem am häufigsten genutzten Service des Berliner Verbandes und wird bis zu einem Betrag von 500 Euro für Mitglieder kostenlos durchgeführt. 

Interessenvertretung

Neben ihrem Steckenpferd der Krankenkassenabrechnung bietet die AOI Berlin ihren Mitgliedern aber auch in anderen Bereichen vielfältige  Unterstützung, beispielsweise bei Vorbereitungen für die Präqualifizierung, bei Fragen rund um Arbeits-, Berufs, Wettbewerbs- und Vertragsrecht sowie bei der Vermittlung von Sachverständigen. Außerdem stellt sie ihren Mitgliedern u. a. Branchenkennzahlen, Statistiken und eine Stellenbörse zur Verfügung und informiert über brancheninterne Neuerungen. Ihre wichtigste Aufgabe sieht die AOI Berlin allerdings darin, dass Berufsbild des Augenoptikers und Optometristen aktiv mitzugestalten. Als „Lobby“ des augenoptischen Berufsfeldes kämpft sie für deren Rechte, beispielsweise für ein umfassendes Refraktionsrecht, setzt und sichert Qualitätsstandards und verhandelt mit Gesetzgebern, Behörden, Gerichten und Krankenkassen. Darüber hinaus ist sie Ansprechpartner für Medien, Verbraucherverbände, Krankenkassen, Gesetzgeber und Endverbraucher und klärt die Öffentlichkeit über die Bedeutung von gutem Sehen und die Leistungen deutscher Augenoptiker auf. Die Obermeisterin ist daher überzeugt: „Unser beruflicher Alltag würde ohne diese Arbeit ganz anders aussehen. Leider wird das oft unterschätzt, weil dieser Vorteil nicht unmittelbar durch einen höheren Umsatz messbar ist“.

An Herausforderungen wachsen

Nach der Wende 1989 wuchs das Abrechnungsvolumen der Berliner Innung deutlich. Die innungseigene Servicegesellschaft für das Gesundheitshandwerk mbH (SGG) wurde Mitte der 90er-Jahre gegründet und rief mit ihrem Abrechnungs-Service Innungsmitglieder außerhalb Berlins auf den Plan. 2004 verloren Krankenkassenabrechnungen dann bekanntermaßen an Bedeutung und ließen damit zugleich auch die Mitgliederzahlen der Innung wieder schrumpfen. In der Nachwendezeit hatte sich zudem die Anbieterstruktur in der Berliner Augenoptiker-Szene deutlich verändert: Die großen Ketten hatten die Hauptstadt für sich entdeckt. Zwar sichert das immer noch dezentrale Kaufverhalten der Berliner bisher vielen kleinen Betrieben die Existenz, doch viele Nahversorgungszentren haben sich örtlich komplett verlagert oder sind ganz verschwunden. „Da wird der Innungsbeitrag schnell zum Kostenfaktor und der individuelle Nutzen scheint subjektiv bei vielen nicht mehr all zu groß“, erklärt Brandt die Problematik. Als Konsequenz aus dieser Entwicklung hat der seit November 2009 amtierende Innungsvorstand ein neues Service- und Informationsangebot auf die Beine gestellt, um dieser negativen Entwicklung entgegen zu wirken. So stehen u. a. die Etablierung der Überbetrieblichen Lehrlingsunterweisung in Rathenow und ein intensiverer Dialog mit den Innungsmitgliedern auf dem Programm; gemeinsame Aktionen mit anderen Landesinnungen wie beispielsweise eine Bürogemeinschaft mit dem LIV Mecklenburg-Vorpommern in Berlin sind in Planung. Außerdem ist gemeinsam mit der Landesinnung Brandenburg und der Handwerkskammer Berlin für das kommende Jahr ein zweitägiger Zukunftskongress angesetzt. Die Obermeisterin ergänzt: „Neben den besagten Angeboten könnten der Erfolg von Brillenanprobe.de und anderer ZVA- und Innungsangebote hier zusätzlich für ein Umdenken bei den Nicht-Mitgliedern sorgen“. Und sie scheint Recht zu haben: Seit kurzem ist ein Anstieg bei den Mitgliederzahlen zu verzeichnen.

Hauke Schulze-Gunst, Augenoptiker Berlin: 

„So wie wir unseren Kunden gegenüber als Dienstleister auftreten, so tritt die Berliner Augenoptiker-Innung als Dienstleister ihrer Mitglieder auf. Und gäbe es ein Kundenbarometer, so bekäme sie von mir eine gute Note: immer freundlich, schnell und kompetent in allen Bereichen.“

Sylvia Brandt, Obermeisterin AOI Berlin: 

„Wir müssen meiner Meinung nach den Kollegen viel stärker als bisher die grundsätzlichen Aufgaben der Innungen deutlich machen. Innungen sind nicht nur „Verwaltungs-Institutionen“, sondern auch die Basis für berufspolitische Entscheidungen, die dann gemeinsam nach außen getragen werden müssen. Berufspolitik lässt sich aber nur dann in der Landes- und Bundespolitik durchsetzen, wenn wir wirklich auch die Mehrheit aller Augenoptiker repräsentieren! Durch einen weiteren Rückgang der Mitgliedsbetriebe verlieren wir auch wieder ein Stück Einfluss und Glaubwürdigkeit in der Öffentlichkeit.“

Sven Hartlieb, Vorstandsmitglied AOI Berlin: 

„Eine Mitgliedschaft in der Innung ist in meinen Augen heutzutage wichtiger denn je! Nur durch einen hohen Beteiligungsgrad ist die Innung in der Lage, als Lobby für den Berufsstand erfolgreich tätig zu sein und unsere Interessen gegenüber dem Bund und der Ärztekammer durchzusetzen. Die Innung sorgt außerdem dafür, dass die Ausbildung auf einem hohen Niveau durchgeführt wird und kompetente Gesellen in den Beruf nachrücken. Sie tätigt Abschlüsse mit Firmen, die den Mitgliedern Rabatte außerhalb der Norm gewähren und sorgt zudem für den notwendigen Informationsfluss. Für die Zukunft sehe ich eine höhere Beteiligung, da die Arbeit der Innung mehr nach außen getragen wird und somit jedem einzelnen gezeigt wird, dass es sich nicht nur um eine Verwaltungsinstitution handelt. Durch das Einbinden interessanter Vorträge verlaufen die Innungsversammlungen inzwischen außerdem weniger staubig.“

Am Rande

Darf es ein bisschen provokant sein? Eine Zukunftsvision für das Jahr 2020: „ZVA-Präsident Thomas Truckenbrodt wird bei der Begegnung der Gesundheitsberufe mit der Regierung als Sprecher der Augenoptiker nicht zugelassen, da er nicht mehr die Mehrheit repräsentiert. In diesem Jahr ist die Zahl der Innungsmitglieder bundesweit auf 38,5 Prozent gesunken.“ Trotz jahrelanger Bemühungen der Vorstände, die Kollegen für eine gemeinsame Berufspolitik zu begeistern, ist dieses Ziel nicht nur nicht erreicht worden, sondern die Mitgliederzahlen sind stetig geschrumpft. Aber wurde auch genug getan?? Müssen diese Strukturen überhaupt sein? Wozu? WAS tut eine Innung? Verwaltet sie sich selbst? Nein! 

DAS ZIEL: 

Lobbyarbeit im Sinne der Augenoptiker und Optometristen: Sie tritt ein für die Weiterentwicklung des Berufsbildes und setzt Maßstäbe in der Ausbildung für eine qualitativ hochwertige Augenoptik auch in der Zukunft. Sie setzt sich gegenüber anderen Berufen durch, erweitert die Möglichkeiten und zieht – im positiven Sinne – Grenzen gegen ein Eindringen in unsere Tätigkeitsbereiche! Infolge allgemeiner Vereinsmüdigkeit und einer großen Anzahl kurzsichtiger KollegInnen, die sich nicht für das Morgen interessieren, sind die Mitgliederzahlen so stark geschrumpft. Zusätzlich strömten in den letzten Jahren nicht nur handwerksorientierte Augenoptikermeister sondern vermehrt neue Bachelor/Master für Augenoptik und Optometrie auf den Arbeitsmarkt. Diese interessieren sich mehrheitlich nicht für die Belange des Handwerks, da sie sich auch nicht mehr als Handwerker betrachten. Innung ist nicht modern, Innung ist althergebracht. Die Zukunft liegt schließlich nicht bei der Tradition, sondern in der Weiterentwicklung des Berufsbildes – aber wer tut das? Die Innungen bzw. übergeordnet der ZVA. Um für jeden einzelnen eine sinnvolle Berufspolitik entwickeln zu können, brauchen wir Mitglieder, die ihre Meinung vertreten und diskutieren, kritisch sind, an Abstimmungen teilnehmen. So funktioniert Basisdemokratie. Wir möchten die Meinungen und Bedürfnisse unserer Mitglieder vertreten! Die Individualität jedes Einzelnen akzeptieren wir, aber wir sind ein Berufsstand und wir sollten geschlossen nach außen auftreten. Birgit Maske, Vorstandsmitglied,AOI Berlin.
 

Artikel aus Deutsche Optiker Zeitung (DOZ) Ausgabe 12/2011

 

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